EZB: Maßnahmen verunsichern die Märkte

Historische Entscheidungen verkündete der Präsident der Europäischen Zentralbank am gestrigen Donnerstag. Der Leitzins wurde von 0,05% auf 0,00% abgesenkt und existiert nicht mehr (R.I.P.). Banken erhalten demnach das geliehene Geld von der EZB zum Nulltarif. Der Einlagenzinssatz wurde hingegen von -0,3% auf -0,4% abgesenkt, deshalb müssen Geschäftsbanken für zwischenzeitlich geparktes Geld höhere Strafzinsen zahlen. Das Anleihenankaufprogramm der EZB wurde von monatlich 60 Mrd. Euro auf 80 Mrd. Euro ausgeweitet. Zusätzlich wurde das Programm um den Ankauf von Unternehmensanleihen ausgeweitet.

Die ursprünglich veröffentlichten Annahmen zu den Inflationsraten für die Jahre 2016 und 2017 wurden deutlich nach unten korrigiert. Deflation scheint bei den Zentralbanken ein „Tabuwort“ zu sein. Diesen Eindruck hatte ich auch beim Vortrag der Deutschen Bundesbank am letzten Samstag beim Börsentag München. Dort war von zeitweiser negativer Inflation die Rede.

Der Vortragende wies mehrfach darauf hin, dass sich die Deutsche Bundesbank ausdrücklich für die Reduzierung der Anleihenankäufe im EZB-Rat ausspricht und ein Verbot für die monetäre Staatsfinanzierung maroder Staaten fordert. Die Deutsche Bundesbank sieht die Verschuldung der Krisenstaaten als sehr kritisch an. Aktuell ist es zwar ruhig, jedoch ist keine Verbesserung bei diesen Staaten festzustellen.

Auch zur oft diskutierten möglichen Immobilienblase gab es ein Statement. Die Deutsche Bundesbank sieht aktuell keine Gefahr für eine Immobilienblase in Deutschland, auch wenn die Preise für Immobilien gestiegen sind und begründet ihre Aussage wie folgt: Die Banken achten bei der Kreditvergabe für Immobilien weiterhin darauf, dass 20% bis 30% der benötigten Summe, als Eigenkapital eingebracht werden.

Trotz Stimuli, die für steigende Aktienmärkte und einen schwächer werdenden Euro sprechen, ist gestern genau das Gegenteil eingetroffen. Der DAX gab 2,3% nach und das Währungspaar EUR/USD ist um 1,6% gestiegen. Die Tagesrange betrug beim DAX nahezu 500 Punkte und beim EUR/USD 400 Pips. Sicherlich darf ein einziger Handelstag nicht überbewertet werden, trotzdem stellt er eine paradoxe Entwicklung dar. Die kommenden Handelstage werden die Richtung vorgeben, jedoch kommt der Anschein auf, dass das Smart Money durch die Maßnahmen erstmal verunsichert ist.

Warum setzt die EZB mit den oben aufgeführten Maßnahmen solch ein Zeichen in die Märkte, die bereits kurz nach der Bekanntgabe als völlig überzogen kommentiert wurden? Möglicherweise sollen mehrere Brexit-Befürworter umgestimmt werden. Die Folgen eines EU-Austritts der Briten scheinen nicht kalkulierbar zu sein. Achten Sie in den nächsten Wochen darauf, wie sich David Cameron und Mitglieder der Bank of England zu den Entscheidungen der EZB äußern werden. Vielleicht erhalten wir Antworten.

Warum möchte die EZB zukünftig Unternehmensanleihen ankaufen? Es kommt der Anschein auf, dass einige europäische „systemrelevante“ Unternehmen in Schieflage geraten sind, die ohne finanzielle Unterstützung zu kollabieren drohen. Sind einige Konzerne tatsächlich nicht mehr in der Lage, die ausgegebenen Anleihen bedienen zu können?

In der kommenden Woche stehen Entscheidungen und Pressekonferenzen der Bank of Japan und der US-Notenbank an. Zudem steht der erste große Verfallstag für das Börsenjahr 2016 an. Diese Ereignisse rufen ebenfalls häufig hohe Volatilität an den Aktien- und Forexmärkten hervor. Es bleibt spannend!

DAX - Tag 100316

 

Peter D.
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Ein Gedanke zu „EZB: Maßnahmen verunsichern die Märkte

  1. Helmut Specht

    Moin,
    „Die ursprünglich veröffentlichten Annahmen zu den Inflationsraten für die Jahre 2016 und 2017 wurden deutlich nach unten korrigiert.“
    Besser ist nicht darzustellen, daß die vor einem Jahr von der EZB begonnene QE erfolglos war. Statt einer Inflationsrate von knapp 2% werden 0,1% für 2016 prognostiziert. Nun soll das Maßnahmen-Paket ausgeweitet werden. Aber wenn Diagnose + Therapie falsch sind: wie wirken dann falsche Medikamente? Um das Ziel Preisstabilität – so lautet der Auftrag für die EZB – zu erreichen, bräuchte nichts getan zu werden. Denn Preisstabilität ist vorhanden.
    Wer stoppt die verfehlte Politik der EZB, der die negativen Auswirkungen auf Sparer, Altersvorsorge, Versicherer, Sparkassen egal ist?

    Antwort

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